Warum Sprachtheorie

… nicht nur die Linguistik angeht

Die Sprachtheorie ist nicht nur eine Teildisziplin der Sprachwissenschaft, auch wenn die Fragen, mit denen sie sich beschäftigt, immer auch eine sprachwissenschaftliche Seite haben. Denn ihr Anspruch ist ein anthropologischer. Jede Beschreibung des Menschen impliziert eine bestimmte Auffassung von der Sprache und jede Vorstellung von dem, was Sprache ist und was sie leistet, hat Auswirkungen auf das, was jeweils unter „Menschsein“ verstanden wird. Das bedeutet nicht, dass Sprachtheorie und Sprachwissenschaft voneinander zu trennen wären. Zu bedeutsam  sind die Entdeckungen, die empirischen Forschungsergebnisse und die terminologischen Differenzierungen, die in den letzten zweihundert Jahren sprachwissenschaftlicher Forschung erarbeitet worden sind. Wer über Sprache nachdenkt, ohne die Geschichte der linguistischen Thoeriebildung zu kennen, läuft Gefahr, sich in Mythen und sprachphilosophische Spekulationen zu verlieren, die den Blick auf die Funktionsweisen der Sprache verstellen. Dazu gehört etwa der Glaube an kulturell oder moralisch höher oder niedriger entwickelte Sprachen oder die immer wieder auftauchende Idee, dass es die Sprache ist, die eigentlich für den Menschen denkt oder spricht. Aber die Linguistik ist kein Allheilmittel gegen die Sprachmythen des Ressentiments, die auch in den neueren und neuesten Theorien weiterleben. Deshalb gehört zu den Aufgaben der Sprachtheorie auch die Kritik linguistischer Konzeptionen und Modellbildungen, und das auch dann, wenn sie von einem allgemeinen wissenschaftlichen Konsens getragen werden. Mit einer solchen Kritik, nämlich der von Ferdinand de Saussure an der historischen Sprachwissenschaft der Leipziger Schule, beginnt die Geschichte der linguistischen Sprachtheorie – und Saussure war es auch, der den Begriff „Sprachtheorie“ („théorie de langage“) erstamals verwendet. In der deutschsprachigen Kultur beginnt die Tradition der anthropologischen Sprachtheorie mit Wilhelm von Humboldt. Seine Leistung ist in der Gegenwart wohl nur vergleichbar mit den Arbeiten des französischen Sprach- und Literaturtheoretikers, Übersetzers und Dichters Henri Meschonnic (1932–2009), dessen Sprachdenken die folgenden Seiten gewidmet sind. Sie verstehen sich als Einladung zur weiteren Beschäftigung mit seinem Werk und sollen dazu anregen, Sprachtheorie als kritische Gesellschaftswissenschaft zu praktikzieren – gegen die offensichtlichen und unmerklichen Mythisierungen der Sprache.

Hans Lösener, 2021