{"id":268,"date":"2012-09-30T15:40:00","date_gmt":"2012-09-30T15:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/sprachtheorie.de\/?p=268"},"modified":"2013-12-20T16:45:27","modified_gmt":"2013-12-20T16:45:27","slug":"zweimal-sprache-weisgerber-und-humboldt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sprachtheorie.de\/?p=268","title":{"rendered":"Zweimal Sprache: Weisgerber und Humboldt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-4.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-217\" title=\"studie 4\" src=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-4-218x300.png\" alt=\"\" width=\"153\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-4-218x300.png 218w, https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-4.png 520w\" sizes=\"auto, (max-width: 153px) 100vw, 153px\" \/><\/a>Jede Sprachtheorie hat eine politische Seite. Denn das, was \u00fcber die Sprache gesagt wird, impliziert auch dort, wo es in einer Terminologie scheinbar objektiver Wissenschaftlichkeit geschieht, notwendigerweise eine Konzeption der Gesellschaft und das hei\u00dft eine politische Ethik. Das zeigt sich mit besonderer Deutlichkeit in der Humboldt-Rezeption von Leo Weisgerber (1899-1985), der seiner Konzeption der Sprache bis in die Begrifflichkeiten hinein den Anstrich einer traditionsbewussten Fortf\u00fchrung des Humboldt&#8217;schen Sprachdenkens gegeben, tats\u00e4chlich aber eine Position vertreten hat, die sich von dem Humboldt&#8217;schen Projekt einer Anthropologie der Sprache entschieden abkehrt. Weisgerber hat mit einer an Humboldt gemahnenden Begrifflichkeit eine Theorie der Muttersprachlichkeit entwickelt, die die umfassende kulturelle und psychologische Abh\u00e4ngigkeit des einzelnen Sprechers von der Muttersprache betont. Die Muttersprache wird bei Weisgerber zu einer Schicksalsmacht erkl\u00e4rt, dem der Sprecher in allen seinen Lebens\u00e4u\u00dferungen unterworfen bleibt. 1929 schreibt er in <em>Muttersprache und Geistesbildung<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas also erscheint mir als das Entscheidende: der Mensch, der in eine Sprache hineinw\u00e4chst, steht f\u00fcr die Dauer seines Lebens unter dem Bann seiner Muttersprache, sie ist wirklich die Sprache, die f\u00fcr ihn denkt [&#8230;] In diesem Sinne ist die Muttersprache Schicksal f\u00fcr den einzelnen, die Sprache des Volkes Schicksalsmacht f\u00fcr die Gemeinschaft.\u201c (Weisgerber 1929, 164).<\/p><\/blockquote>\n<p>Weisgerber formuliert damit schon vor 1933 eine Sprachtheorie, die die sprach- und bildungspolitischen Ziele des Dritten Reiches zu legitimieren vermag. M\u00f6glich wird Weisgerbers deterministischer Sprachbegriff \u00fcber eine folgenreiche Verk\u00fcrzung der Humboldt&#8217;schen Sprachidee durch die Gleichsetzung zwischen den Begriffen &#8222;Sprache&#8220; und &#8222;Einzelsprache&#8220;. Die Einzelsprache, genauer gesagt, die Muttersprache ist bei Weisgerber die ganze Sprache, es gibt nichts au\u00dfer ihr und alles, Nation, Kultur, Denken und Dichtung h\u00e4ngen von ihr ab.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu versteht Humboldt unter &#8222;Sprache&#8220; einen unaufh\u00f6rlichen geschichtlichen Prozess zwischen den Sprechern einer Sprache, in dem sich sowohl Individualit\u00e4t als auch Kollektivit\u00e4t (und zwar in einer st\u00e4ndigen Wechselwirkung) ausbilden. Man muss diese Wechselwirkung denken, wenn man verstehen will, was Humboldt meint, wenn er schreibt, dass die Sprache<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;auch verbindet, indem sie vereinzelt, und in die H\u00fclle des individuellsten Ausdrucks die M\u00f6glichkeit allgemeinen Verst\u00e4ndnisses einschlie\u00dft (Humboldt, <em>Ueber die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaus<\/em> 1827\/29: 160, \u00a711).<\/p><\/blockquote>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr ein solches Denken ist die Erkenntnis, dass die Sprache nicht auf die Einzelsprache reduziert werden darf und dass der Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur, Sprache und Subjekt unerkl\u00e4rbar bleibt, wenn man nicht erkennt, dass sich Sprache empirisch immer in der allt\u00e4glichen Unvorhersehbarkeit der konkreten Rede ereignet. Auf diese Tatsache bezieht sich der ber\u00fchmte, einzige kursiv gesetzte Satz in Humboldt Schrift <em>Ueber die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbau:<\/em><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"text-decoration: underline;\">Die Sprache liegt nur in der verbundenen Rede, Grammatik und W\u00f6rterbuch sind kaum ihrem todten Gerippe vergleichbar.<\/span> (Humboldt 1827\/29: 186, \u00a7 32)<\/p><\/blockquote>\n<p>Humboldts Sprachbegriff ist gerade in einer Gesellschaft, die nur bestehen kann, wenn sie die in ihr anzutreffende kulturelle Vielfalt erm\u00f6glicht und f\u00f6rdert, von zentraler Bedeutung, weil mit ihm ein Sprachdenken beginnt, das die Verbindung von Gemeinsamkeit und Vielfalt in der Sprache zu erkennen vermag. Und weil durch sie erkl\u00e4rbar wird, warum sprachliche Bildung das Herzst\u00fcck einer demokratischen Kultur darstellt. Denn die Verk\u00fcrzungen Weisgerbers, durch einen Sprachbegriff, der die Sprache nur als <em>langue,<\/em> nicht aber als <em>parole<\/em> denkt, der nur Grammatik und W\u00f6rterbuch kennt, nicht aber die unendliche Vielfalt des tats\u00e4chlichen Sprechens und damit die unersch\u00f6pflichen M\u00f6glichkeiten der sprachlichen Individuation, sind noch immer gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/loesener-weisgerber.pdf\">Hans L\u00f6sener (2000): Zweimal Sprache &#8211; Weisgerber und Humboldt<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede Sprachtheorie hat eine politische Seite. Denn das, was \u00fcber die Sprache gesagt wird, impliziert auch dort, wo es in einer Terminologie scheinbar objektiver Wissenschaftlichkeit geschieht, notwendigerweise eine Konzeption der Gesellschaft und das hei\u00dft eine politische Ethik. Das zeigt sich mit besonderer Deutlichkeit in der Humboldt-Rezeption von Leo Weisgerber (1899-1985), der seiner Konzeption der Sprache [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":217,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[3,29,30,4,32,27,28,23,31,10,8,26],"class_list":["post-268","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-texte-zur-sprachtheorie","tag-anthropologie","tag-einzelsprache","tag-geschichtlichkeit","tag-humboldt","tag-individuation","tag-langue","tag-parole","tag-rede","tag-sprache-und-kultur","tag-sprachtheorie","tag-subjekt","tag-weisgerber"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/268","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=268"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/268\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":283,"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/268\/revisions\/283"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/217"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sprachtheorie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}