{"id":79,"date":"2012-09-19T21:06:43","date_gmt":"2012-09-19T21:06:43","guid":{"rendered":"http:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=79"},"modified":"2023-01-18T09:54:30","modified_gmt":"2023-01-18T09:54:30","slug":"79-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=79","title":{"rendered":"Kritik des Zeichens"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/studie-56a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-663\" src=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/studie-56a-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/studie-56a-218x300.jpg 218w, https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/studie-56a.jpg 529w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/a>Mit seiner 1975 erschienenen Untersuchung <em>Le signe et le po\u00e8me<\/em> hat Henri Meschonnic die bislang wohl gr\u00fcndlichste Kritik des Zeichenprinzips im abendl\u00e4ndischen Denken vorgelegt. In unterschiedlichen Einzeluntersuchungen geht Meschonnic der Wirksamkeit semiotischer Sprachvorstellungen in der Sprachphilosophie, der Psychoanalyse, im Marxismus, der Ph\u00e4nomenologie und der Sprachwissenschaft nach und erkundet die Zusammenh\u00e4nge der Dualismen von Form und Inhalt, Signifikant und Signifikat, K\u00f6rper und Geist, Sprache und Welt in den verschiedenen Theorien. Diese Trennungen, die so gut zu funktionieren scheinen und so alt und vertraut sind, dass man sie f\u00fcr die Natur der Dinge halten k\u00f6nnte, versagen bei einer ebenso alten Praxis der Sprache, der Dichtung, die bei Meschonnic zum Ausgangspunkt einer Kritik des Zeichens wird. Im Gedicht ist keine Trennung von Form und Inhalt m\u00f6glich, da die Funktionsweise des Poetischen weder auf Formales noch auf Inhaltliches zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. W\u00e4re das Gedicht eine Form (Metrum, Reim, Strophe, Stilfiguren), so k\u00f6nnten Computer Lyrik schreiben, w\u00e4re es ein Inhalt (Mond, Liebesschmerz, Einsamkeit), so w\u00e4re eine Inhaltsangabe selbst ein Gedicht. In<em> Critique du rythme <\/em>schreibt Meschonnic dazu: \u201eDie Paraphrase ist der Schwachpunkt des Zeichens.&#8220; (\u201eLa paraphrase est la faiblesse du signe&#8220;, 1982, 63). Das Gedicht ist der notwendige Zusammenhang von etwas, das sich weder als Form noch als Inhalt &#8211; und deshalb auch nicht als Verbindung beider &#8211; beschreiben l\u00e4sst; es ist nicht mit den Kategorien des Zeichens zu erfassen.<\/p>\n<p>Die Aporien des Zeichens, die das Gedicht sichtbar werden l\u00e4sst, betr\u00e4fen die Zeichentheorie nur am Rande, wenn dem Gedicht lediglich eine \u00e4sthetische Rolle innerhalb der Sprache zuk\u00e4me. Doch f\u00fcr Meschonnic ersch\u00f6pft sich die Spezifik des Gedichts nicht in einer \u00e4sthetischen Funktion: Im Gedicht (und in der Dichtung insgesamt, also auch in Erz\u00e4hl- oder Dramentexten) realisiert sich ein Sprechen, das mit einer maximalen Subjektivit\u00e4t aufgeladen ist. Im Gedicht wird ein mit K\u00f6rperlichkeit, konkreter Geschichtlichkeit, individuellen Gedanken und Gef\u00fchlen aufgeladenes Sprechen erfahrbar. Damit zeigt sich in der Dichtung etwas mit besonderer Intensit\u00e4t, das prinizipiell \u00fcberall in der Sprache, in jedem Sprechen und noch in der allerallt\u00e4glichsten \u00c4u\u00dferung wirksam ist, das aber immer wieder, wenn \u00fcber Sprache nachgedacht wird, aus dem Blick ger\u00e4t \u2013 das Subjekt in seiner Geschichtlichkeit, seiner Jedesmaligkeit (ein Begriff Humboldts), seiner Individualit\u00e4t. Meschonnic schreibt dazu in <em>Critique du rythme<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Die Dichtung hat in einer historischen Anthropologie der Sprache keine \u00e4sthetische Rolle mehr. Sie ist eine Sprachaktivit\u00e4t, ein Bedeutungsmodus, in dem mehr als in allen anderen zu Tage tritt, dass das, was bei der Sprache, bei der Geschichtlichkeit der Sprache, auf dem Spiel steht, das Subjekt ist, das empirische Subjekt als Funktion aller Individuen, [&#8230;]. Die Dichtung bewirkt ein Zu-Tage-treten des Subjekts. (\u201eElle est une activit\u00e9 de langage, un mode de signifier qui expose plus que tous les autres que l\u2019enjeu du langage, de son historicit\u00e9, est le sujet, le sujet empirique comme fonction de tous les individus. Elle fait une exposition du sujet.&#8220; Meschonnic 1982, 35)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Subjekt muss \u00fcberall dort aus dem Blick geraten, wo die Sprache in den Kategorien des Zeichens gedacht wird. Dies wird unmittelbar deutlich, wenn man sich auf ein Gedankenexperiment einl\u00e4sst, das Ludwig Wittgenstein in seinen &#8222;Philosophischen Untersuchungen&#8220; angestellt hat. Dabei stehen die Schachteln f\u00fcr die W\u00f6rter der Sprache, die K\u00e4fer f\u00fcr die privaten Vorstellungen, die nach dem Zeichenprinzip mit den W\u00f6rtern verbunden werden, so dass diese eine Bedeutung erhalten:<\/p>\n<blockquote><p>Angenommen, es h\u00e4tte jeder eine Schachtel, darin w\u00e4re etwas, was wir \u00bbK\u00e4fer\u00ab nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schauen; und jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines K\u00e4fers, was ein K\u00e4fer ist. \u2013 Da k\u00f6nnte es ja sein, da\u00df jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel h\u00e4tte. Ja, man k\u00f6nnte sich vorstellen, da\u00df sich ein solches Ding fortw\u00e4hrend ver\u00e4nderte. \u2013 Aber wenn nun das Wort \u00bbK\u00e4fer\u00ab dieser Leute doch einen Gebrauch h\u00e4tte? \u2013 So w\u00e4re er nicht der der Bezeichnung eines Dings. Das Ding in der Schachtel geh\u00f6rt \u00fcberhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel k\u00f6nnte auch leer sein. \u2013 Nein, durch dieses Ding in der Schachtel kann \u00bbgek\u00fcrzt werden\u00ab; es hebt sich weg, was immer es ist. (Wittgenstein 1952, 157)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wittgenstein verdeutlicht die Grenzen des Zeichendenkens, indem er nachweist, dass das Prinzip des Zeichens nicht die Grundlage der Sprache sein kann. Wenn die Funktionsweise der Sprache auf au\u00dfersprachlichen Vorstellungen beruhen w\u00fcrde, so k\u00f6nnten die W\u00f6rter keine feste, \u00fcberpr\u00fcfbare Bedeutung haben, denn diese Vorstellungen w\u00fcrden ja bei jedem unter Umst\u00e4nden etwas vollkommen anders sein oder sogar ganz fehlen, ohne dass dies feststellbar w\u00e4re. Ihre Au\u00dfersprachlichkeit und Privatheit macht sie zu metaphysischen Annahmen. Das bedeutet aber auch, dass es &#8211; wenn man vom Zeichendenken ausgeht &#8211; ganz unm\u00f6glich ist, mit der Sprache eigene Gef\u00fchle, individuelle Erlebnisse oder Vorstellungen zu thematisieren, da jeder H\u00f6rer die W\u00f6rter dann eventuell oder sogar notwendigerweise mit vollkommen anderen inneren, au\u00dfersprachlichen, privaten mentalen Zust\u00e4nden verbindet. Damit bleibt im Zeichenmodell das Subjekt durch die Sprache unwiderruflich getrennt vom Anderen und das hei\u00dft letztlich auch von sich selbst.<\/p>\n<p>Sprechen kann also im Zeichenmodell nur hei\u00dfen: den Konventionen der Sprache folgen, um zu kommunizieren (oder um zu glauben, dass man kommuniziere). Das Subjekt kommt somit nur als ausf\u00fchrendes Organ der Sprache in den Blick. Das anthropologische Paradox der Zeichentheorie liegt genau in dieser Ausgrenzung des Subjekts aus der Sprache. Ein Paradox deshalb, weil die empirische Funktionsweise der Sprache, nicht nur im Gedicht, die Intersubjektivit\u00e4t der Sprache, die M\u00f6glichkeit der Individuation durch Sprache und die Erfahrbarkeit von Gef\u00fchlen, Gedanken und Vorstellungen des Gegen\u00fcbers durch dessen Rede in jedem \u00c4u\u00dferungsakt realisiert. Die Subjektivierung als unaufh\u00f6rliche Verwandlung des Geschichtlichen und des Kulturellen, die ein Spezifikum des Menschen sind, ereignen sich in der Sprache und durch sie. Schlie\u00dflich haben nicht nur V\u00f6lker ihre eigenen Sprachen und definieren sich \u00fcber sie, sondern auch jeder Mensch hat seine eigene Sprechweise, an der wir ihn erkennen und die sich mit ihm ver\u00e4ndert. Es ist daher bezeichnend, dass sich gerade Wilhelm von Humboldt entschieden gegen die Vorstellung gewandt hat, \u201edass die Sprache durch Konvention entstanden, und das Wort nichts als Zeichen einer unabh\u00e4ngig von ihm vorhandenen Sache, oder eines ebensolchen Begriffs ist.&#8220; (Humboldt 1806, 7). Denn mit Humboldt beginnt ein Sprachdenken, das die Wechselwirkungen zwischen Sprache und Kultur, Sprache und Subjekt, Sprache und Literatur entdeckt. Meschonnic f\u00fchrt dieses Projekt unter anderen Voraussetzungen fort. Sein Aufsatz \u201eHumboldt heute denken\u201c (1995) endet mit den Worten:<\/p>\n<blockquote><p>Der bemerkenswerte Effekt einer Modernit\u00e4t der Modernit\u00e4t ist, da\u00df gerade ausgehend von Kunst und Literatur eine bislang abwesende Tradition beginnen kann, eine Tradition Humboldts, ein humboldtsches Denken. Und dass eine Kritik des Zeichens m\u00f6glich ist, wie sie vorher nicht m\u00f6glich war. Aus einer ganzen Reihe von Gr\u00fcnden wie etwa den Transformationen im Verh\u00e4ltnis zwischen Identit\u00e4t und Alterit\u00e4t, dem Erscheinen des Begriffs \u00bbDiskurs\u00ab [im Sinne Benvenistes], den Transformationen des Sagens, des Sehens, des F\u00fchlens, des Denkens in diesem Jahrhundert, die einen neuen Begriff der Oralit\u00e4t, des Rhythmus, der Sprache m\u00f6glich machen. (Meschonnic 1995, 86)<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Kritik des Zeichens ist notwendig, um die Verbindungen, \u00dcberg\u00e4nge, Kontinuit\u00e4ten des Sprachlichen denken zu k\u00f6nnen, also um Fragen etwa nach der K\u00f6rperlichkeit im Dramentext, nach der Pluralit\u00e4t der M\u00fcndlichkeiten in der Literatur oder allgemein nach den Beziehungen zwischen Emotion und Sprache, Wahrnehmung und Sprache etc. anders stellen zu k\u00f6nnen, als dies bislang der Fall war. Nur so kann das in den Blick kommen, was das Zeichen ausblendet: Rhythmus, Gestus, Perspektivit\u00e4t, Oralit\u00e4t, Geschichtlichkeit und Subjektivit\u00e4t in der Sprache. Damit leistet die Kritik des Zeichens einen grundlegenden Beitrag zur Entwicklung einer historischen Anthropologie der Sprache.<\/p>\n<p>Hans L\u00f6sener, 2012<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Humboldt, Wilhelm von (1806): \u00dcber die Natur der Sprache im allgemeinen. Aus: Latium und Hellas. In: Michael B\u00f6hler (Hg.): Wilhelm von Humboldt. Schriften zur Sprache. Stuttgart: Reclam 1973.<\/p>\n<p>Meschonnic, Henri (1975): Le signe et le po\u00e8me. Paris: Editions Gallimard.<\/p>\n<p>Meschonnic, Henri (1982): Critique du rythme. Anthropologie historique du langage. Paris: Editions Verdier.<\/p>\n<p>Meschonnic, Henri (1995): Humboldt heute denken. In: J\u00fcrgen Trabant (Hg.): Sprache denken. Positionen aktueller Sprachphilosophie. Frankfurt am Main: Fischer. S. 67\u201389.<\/p>\n<p>Wittgenstein, Ludwig (1952): Philosophische Untersuchungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1982.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seiner 1975 erschienenen Untersuchung Le signe et le po\u00e8me hat Henri Meschonnic die bislang wohl gr\u00fcndlichste Kritik des Zeichenprinzips im abendl\u00e4ndischen Denken vorgelegt. 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