{"id":77,"date":"2012-09-19T19:54:07","date_gmt":"2012-09-19T19:54:07","guid":{"rendered":"http:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=77"},"modified":"2015-07-14T13:35:20","modified_gmt":"2015-07-14T13:35:20","slug":"uberblick-uber-das-werk-henri-meschonnics","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=77","title":{"rendered":"\u00dcberblick \u00fcber das Werk Henri Meschonnics"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-61.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-213 alignleft\" title=\"Studie 61\" src=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-61-225x300.png\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-61-225x300.png 225w, https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-61.png 529w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Von seinen ersten Ver\u00f6ffentlichungen an l\u00e4sst sich in den Arbeiten von Henri Meschonnics eine enge Verkn\u00fcpfung von Theorie und Praxis beobachten. Sein Projekt einer <em>historischen Anthropologie der Sprache<\/em>, so der Untertitel eines seiner Hauptwerke, der 1982 erschienenen <em>Critique du rythme<\/em>, resultiert einerseits aus der kritischen Auseinandersetzung mit der Sprach- und Literaturtheorie des 20. Jh.\u00a0 und den bis zu Platon und den Vorsokratikern reichenden sprachphilosophischen Traditionen des abendl\u00e4ndischen Denkens und anderseits beruht sein Sprachdenken auf der doppelten, lebenslangen Praxis des \u00dcbersetzens und des Dichtens hervor. Diese grundlegende Dynamik zwischen Theorie und Praxis, aus der sich Meschonnics Werk speist und die die Lekt\u00fcre seiner B\u00fccher mitunter erschwert, weil sie sie voraussetzt, spiegelt sich auch in der Chronologie seiner Publikationen wieder. 1970 erscheinen gleichzeitig sowohl <em>Pour la po\u00e9tique<\/em>, seine kritische Auseinandersetzung mit der strukturalistischen Literaturtheorie, als auch <em>Les Cinq Rouleaux<\/em>, Meschonnics \u00dcbersetzung des Hohelieds, der Klagelieder Jeremias und der biblischen B\u00fccher Ruth, Kohelet bzw. der Prediger Salomo und Esther. Hier entdeckt Meschonnic die Funktionsweise der rhythmischen Gestaltung der Sprache f\u00fcr das Sinnmachen des Textes, da er, \u00fcbrigens als erster in der Geschichte der Bibel\u00fcbersetzung, die Texte aus dem masoretischen Urtext mit ihrer f\u00fcr den Vortrag gedachten Akzentnotation \u00fcbersetzt. Zwei Jahre darauf erh\u00e4lt sein Gedichtband <em>D\u00e9dicaces proverbes<\/em> den renommierten <em>Prix Max Jacob <\/em>\u00a0und im folgenden Jahr, 1973, erscheinen zwei weitere B\u00e4nde von <em>Pour la po\u00e9tique<\/em>. Im ersten Band wendet er sich den sprachtheoretischen und ideologischen Pr\u00e4missen verschiedener Bibel\u00fcbersetzungen zu, w\u00e4hrend der zweite Studien zur Poetik Nervals, Apollinaires u.a. enth\u00e4lt ist und mit einer f\u00fcr Meschonnnics textanalytische Methodik wegweisenden Analyse zu Baudelaires <em>Chant d\u2019automne <\/em>abschlie\u00dft. 1975 publiziert er <em>Le signe et le po\u00e8me<\/em>, eine Untersuchung zur abendl\u00e4ndischen Geschichte der Zeichentheorie in der Sprachphilosophie, der Semiotik, der Psychoanalyse, im Marxismus, der Ph\u00e4nomenologie und in den postrukturalistischen Theorien (Lacan, Derrida). Wer verstehen will, worin die sprachtheoretische Aktualit\u00e4t von Meschonnics Sprachdenken liegt, dem sei dieses Werk empfohlen. 1976 kommt dann der Gedichtband <em>Dans nos recommencements <\/em>heraus und 1977 <em>Pour la po\u00e9tique IV, <\/em>eine gro\u00dfe zwei B\u00e4nde umfassende Untersuchung zum Gesamtwerk Victor Hugos, die der Entwicklung von Hugos Poetik von seinen allerersten Anf\u00e4ngen bis zu seinem Sp\u00e4twerk nachgeht, den Zusammenhang zwischen seinem dichterischen und seinem erz\u00e4hlerischen Oeuvre aufzeigt und die Wechselwirkung zwischen Poetik, Politik und Ethik in Hugos Schreiben analysiert. Diese Arbeit geh\u00f6rt l\u00e4ngst zu den Standwerken der Hugo-Forschung in Frankreich. 1979 erscheint neben dem Gedichtband <em>L\u00e9gendaire chaque jour<\/em> der letzte Band der Reihe <em>Pour la po\u00e9tique, <\/em>in dem sich Meschonnic u.a. mit Chomskys Humboldt-Rezeption auseinandersetzt. 1981 folgt dann <em>Jona et le signifiant errant<\/em>, eine \u00dcbersetzung des Buches Jona aus dem Hebr\u00e4ischen, und 1982, <em>Critique du rythme. Anthropologie historique du langage<\/em>, seine siebenhundert Seiten starke Grundlegung seiner Rhythmustheorie, in der er \u2013 gegen alle postmodernen Moden und Str\u00f6mungen der Zeit \u2013 zeigt, wie sich die Subjektivierung der Sprache in der jedesmaligen rhythmischen Individuation der Rede ereignet \u2013 und wie diese sich in der gesprochenen und vor allem in der geschriebenen Sprache beschreiben l\u00e4sst. Der Rhythmus wird so zum Ausgangspunkt einer Sprachanthropologie, die Subjekt und Sinn von der Jedesmaligkeit der Rede her denkt (statt sie in die Transzendenz des Vor- und Au\u00dfersprachlichen zu verlegen, wie dies in der Sprachphilosophie, der Psychologie und der Semiotik immer wieder getan wird). So wie die vorangegangen Publikationen auf vielf\u00e4ltige Weise zu <em>Critique du rythme <\/em>hinf\u00fchren, so findet diese ihrerseits ihre Fortsetzung in <em>Les \u00e9tats de la po\u00e9tique<\/em> (1985), <em>Modernit\u00e9, modernit\u00e9<\/em> (1988), <em>La Rime et la Vie <\/em>(1990) und <em>Politique du rythme, politique du sujet<\/em> (1995). Meschonnics Gedichtband <em>Voyageurs de la voix<\/em> von 1985 erh\u00e4lt im folgenden Jahr den <em>Prix Mallarm\u00e9<\/em>. 1990 erscheint die Gedichtsammlung <em>Nous le passage<\/em>, ein Jahr sp\u00e4ter seine historische Untersuchung zu den impliziten Sprachtheorien der gro\u00dfen franz\u00f6sischen W\u00f6rterb\u00fccher <em>Des mots et des mondes<\/em>. 1990 ist aber auch das Jahr, in dem Meschonnics Analyse des Heideggerschen Sprachrealismus <em>Le langage Heidegger<\/em> erscheint, ein Buch, von dem J\u00fcrgen Trabant in einem Gespr\u00e4ch mit mir meinte, dass es noch vor allen anderen ins Deutsche \u00fcbersetzt werden m\u00fcsste. Noch hat sich niemand dieser Herausforderung gestellt.<\/p>\n<p>Ich breche an diesem Punkt die \u00dcbersicht \u00fcber Meschonnics Arbeiten ab und nenne nur noch einige wenige Publikationen aus den letzten Jahren, die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Meschonnics sprachtheoretischem Ansatz von besonderem Interesse sind. Da ist zum einen seine Grundlegung einer Poetik des \u00dcbersetzens (Po\u00e9tique du traduire, 1999) und seine Bibel\u00fcbersetzungen der Psalmen (2001) und der ersten vier B\u00fccher Mose (2002 ff.), und zum anderen seine kritische Auseinandersetzung mit den Sprachideologien der Gegenwart <em>Dans le bois de la langue<\/em>, die noch zu seinen Lebzeiten 2008 herauskam. Noch vollenden konnte Meschonnic auch die gro\u00dfe Studie <em>Langage, histoire, une m\u00eame theorie<\/em>, an der er viele Jahrzehnte gearbeitet hat, und die nun posthum 2012 bei Verdier erschienen ist.<\/p>\n<p>Ein solches Werk l\u00e4sst sich nicht in einem Res\u00fcmee zusammenfassen. Es kann nur durchwandert werden, lesend, verstehend und nicht-verstehend, aber mit Gewinn f\u00fcr diejenigen, die sp\u00fcren und wissen, dass es bei der Sprachtheorie um den ganzen Menschen geht, um die M\u00f6glichkeit, den Menschen von der Sprache her zu denken, und die Sprache vom Menschen, d.h. von seiner K\u00f6rperlichkeit her, von der unaufh\u00f6rlichen Arbeit der Individuation und der konkreten Geschichtlichkeit des Subjekts. Ein solches Denken erscheint mir unverzichtbar in einer Zeit, die noch immer in so vielen unterschiedlichen Disziplinen (Psychologie, Kulturtheorie, Literaturtheorie, Linguistik, Philosophie etc.) von einer postmodernen Eliminierung des Subjekts ausgeht, welche ausdr\u00fccklich oder stillschweigend durch die selbstverst\u00e4ndliche Reduzierung der Sprache auf die Struktur, das Zeichen und die Kommunikation legitimiert wird. Diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit stellen Meschonnics B\u00fccher in Frage.<\/p>\n<p>Hans L\u00f6sener, 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von seinen ersten Ver\u00f6ffentlichungen an l\u00e4sst sich in den Arbeiten von Henri Meschonnics eine enge Verkn\u00fcpfung von Theorie und Praxis beobachten. Sein Projekt einer historischen Anthropologie der Sprache, so der Untertitel eines seiner Hauptwerke, der 1982 erschienenen Critique du rythme, resultiert einerseits aus der kritischen Auseinandersetzung mit der Sprach- und Literaturtheorie des 20. 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