{"id":65,"date":"2012-09-19T19:46:49","date_gmt":"2012-09-19T19:46:49","guid":{"rendered":"http:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=65"},"modified":"2023-01-18T09:49:06","modified_gmt":"2023-01-18T09:49:06","slug":"warum-meschonnic","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=65","title":{"rendered":"Meschonnics Sprachdenken"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-58.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-210\" src=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-58-225x300.png\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-58-225x300.png 225w, https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-58.png 529w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Henri Meschonnic beginnt seine wissenschaftliche Publikationst\u00e4tigkeit in den 1960er Jahren, in einer Zeit, in der der Strukturalismus die theoretischen Diskurse bestimmt und der Poststrukturalismus langsam auf sich aufmerksam macht. Fr\u00fch setzt sich Meschonnic kritisch mit beiden Denkschulen auseinander und greift Themen auf, die sie in die Diskussion gebracht haben: insbesondere die Frage nach der Funktionsweise von Struktur und Zeichen f\u00fcr das menschliche Sprachverm\u00f6gen, f\u00fcr die Literatur und f\u00fcr die Gesellschaft. Im Gegensatz zum Strukturalismus und Poststrukturalismus denkt Meschonnic die Sprache von der Poetik aus, vom Gedicht, in dem ein geschichtliches Subjekt erfahrbar wird, durch die Art und Weise, wie sich in ihm ein Sprechen in der Schrift artikuliert. Poetik, Rhythmus, Subjekt, System (nicht Struktur!) und Geschichtlichkeit sind zentrale Begriffe, die die Richtung seines Denkens von Anfang an bestimmen. Von diesem Ausgangspunkt aus entwickelt er eine Kritik der Gleichsetzung von Sprache und Zeichen und ihrer politischen, sozialen, theologischen und philosophischen Implikationen. Sie steht in der Kontinuit\u00e4t einer historischen Anthropologie der Sprache, die f\u00fcr Meschonnic bei Wilhelm von Humboldt, Ferdinand de Saussure, \u00c9mile Benveniste und anderen beginnt, aber noch nicht abgeschlossen ist und vielleicht unabschlie\u00dfbar bleiben muss. Denn wer \u00fcber die Sprache nachdenkt, ist immer schon ein Teil von ihr und wer sich eine Vorstellung von ihr zu machen sucht, hat deshalb immer auch schon eine. Das bedeutet aber auch, wie Meschonnic betont, dass nicht nur die Sprache selbst, sondern auch unsere Vorstellungen von ihr \u00fcberall in unserem Denken und Handeln wirksam sind: Was wir \u00fcber uns denken, denken wir nicht nur in der Sprache, sondern auch innerhalb unserer Vorstellungen von Sprache. Jede Auffassung von Sprache hat daher gesellschaftliche, politische und ethische Konsequenzen. In <em>Dans le bois de la langue, <\/em>einem seiner letzten B\u00fccher, 2008 erschienen, schreibt er, dass der Ausgangspunkt f\u00fcr die Sprachtheorie die einfache Erkenntnis ist, dass jedes Denken notwendigerweise ein Denken \u00fcber die Sprache einschlie\u00dfe, eben weil es sich in ihr ereigne (&#8222;La th\u00e9orie du langage, c&#8217;est simple, elle part de la proposition que penser n&#8217;est pas penser si on ne pense pas le langage, parce que penser se fait dans et par le langage&#8220;, 25), und weil jedes Denken wesentlich von der Vorstellung beeinflusst sei, die man sich von der Sprache mache (&#8222;Que toute pens\u00e9e d\u00e9pend de sa repr\u00e9sentation du langage&#8220;, ebd.). Wenn es zutrifft, dass das, was \u00fcber Kultur, Sprache, Geschichte, Gesellschaft gedacht wird, davon abh\u00e4ngt, welche Sprachauffassung dabei vorausgesetzt wird, kann das Denken die Frage &#8222;Was verstehen wir unter Sprache?&#8220; nicht ausklammern. Jede Antwort darauf verlangt eine sprachtheoretische Anstrengung, da die Sprache aus den genannten Gr\u00fcnden kein uns intuitiv zug\u00e4nglicher Gegenstand sein kann. Wir k\u00f6nnen nicht aus ihr heraustreten, um sie zu betrachten und sie nur dann zum Gegenstand einer Untersuchung machen, wenn wir uns selbst als deren Teil verstehen. Das aber bedeutet, dass jede Sprachtheorie, die diese Aufgabe ernst nimmt, die Arbeit an der Theorie der Gesellschaft, der Literatur, der Geschichte und der Kultur einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Immer wieder betont Meschonnic, dass die akademische Aufsplitterung der Einzelwissenschaften verhindert, dass diese&nbsp; Zusammenh\u00e4nge in den Blick kommen (&#8222;Les choses du langage, affaire de sp\u00e9cialistes; l&#8217;esth\u00e9tique, \u00e0 part, dans son formalisme logique, l&#8217;\u00e9thique, \u00e0 part, dans sa propre abstraction; le politique, \u00e0 part, dans dualisme et son cynisme.&#8220;, ebd. 26). Um die Trennung der Fachdisziplinen zu \u00fcberwinden, reicht es seiner Meinung nach nicht aus, interdisziplin\u00e4re Forschungsprojekte \u2013 so sinnvoll und notwendig diese im Einzelfall auch sein m\u00f6gen \u2013 anzusto\u00dfen und durchzuf\u00fchren. Denn das Prinzip der Trennung ist, wenn es um Fragen der Sprache geht, kein institutionelles, sondern es resultiert aus der herrschenden Sprachauffassung, aus der Dominanz eines einzigen, wenn auch sehr alten Modells f\u00fcr die Funktionsweise der Sprache: dem Zeichenmodell. Es postuliert die Trennung zwischen einer Form- und einer Inhaltsseite, aus der viele weitere, f\u00fcr das abendl\u00e4ndische Denken charakteristische Gegensatzpaare abgeleitet werden k\u00f6nnen, die Meschonnic nicht m\u00fcde wird, aufzuz\u00e4hlen. Dazu geh\u00f6rt die Trennung zwischen Sprechen und Denken, Sprechen und F\u00fchlen, Sprache und Subjekt, Sprache und Wirklichkeit, aber auch die stereotype Gegen\u00fcberstellung von Vernunft (Logos) und Gef\u00fchl, Kultur und Natur, m\u00e4nnlichem und weiblichem Denken, Orient und Okzident etc.<\/p>\n<p>Die Trennungen des Zeichens deanthropologisieren die Sprache, so eine zentrale These Meschonnics, indem sie einen Riss zwischen Mensch und Sprache, Denken und Sprache, Sprache und Gef\u00fchl postulieren, unabh\u00e4ngig von den vielf\u00e4ltigen empirischen Evidenzen f\u00fcr die \u00dcberg\u00e4nge und Durchdringungen zwischen Sprache, Denken, Gef\u00fchl, K\u00f6rper, Geschichtlichkeit und Kultur. Zu den ber\u00fchmtesten Monumenten der Deanthropologisierung der Sprache durch das Zeichenprinzip geh\u00f6rt \u00fcbrigens ein Text, auf den Meschonnic meines Wissens nirgends eingeht: Friedrich Nietzsches posthum erschienenes Fragment &#8222;Ueber Wahrheit und L\u00fcge im aussermoralischen Sinne&#8220; (1872). Es endet nicht zuf\u00e4llig mit einem Bild des Verstummens. Bei Nietzsche trennt die Sprache die Menschen von den Dingen, von der Wirklichkeit, von ihrem Gegen\u00fcber und von sich selbst. Sie wird zu einem allm\u00e4chtigen Entfremdungsmedium, aus dem es kein Entkommen gibt. Wobei nicht vergessen werden darf, dass diese eindrucksvolle Vision nicht die Funktionsweise der Sprache selbst beschreibt, sondern das, was passiert, wenn man sie vom Zeichen her zuendedenkt und nach ihren erkenntnistheoretischen Konsequenzen fragt. Die Postmoderne von Jacques Lacan, \u00fcber Paul de Man bis Giorgio Agamben hat diese negative Anthropologie der Sprache ausbuchstabiert und rhetorisch phantasievoll weitergesponnen, auch was ihre politischen und ethischen Konsequenzen angeht.<\/p>\n<p>An die Stelle der Trennungen des Zeichenprinzips (Sprache vs. K\u00f6rper, Sprache vs. Denken, Sprache vs. Subjekt etc.) tritt bei Meschonnic ein Denken der Durchdringungen, Wechselwirkungen und \u00dcberg\u00e4nge zwischen Sprachlichkeit und K\u00f6rperlichkeit, Sprache und Subjektivit\u00e4t, Sprache und Kultur, Sprache und Dichtung, Dichtung und Politik. Um diese gegenseitigen Durchdringungen&nbsp;\u2013 Meschonnic spricht vom &#8222;continu dans le langage&#8220; (<em>Dans le bois de la langue <\/em>2008, 11) \u2013&nbsp; wahrzunehmen und um sie beschreiben und reflektieren zu k\u00f6nnen, ist es zun\u00e4chst notwendig, die Gleichsetzung zwischen Sprache und Zeichen zu \u00fcberwinden und das Zeichenmodell als das zu erkennen, was es ist: ein Modell f\u00fcr die Sprache, eines, aber nicht das einzige. Die Sprache kann \u2013 wie alle anderen Aspekte der Wirklichkeit auch \u2013 auch ganz anders gedacht werden. Den empirischen Ausgangspunkt f\u00fcr eine solches Denken der Sprache findet Meschonnic wie gesagt in der Poetik, ganz konkret im Gedicht. Ausgerechnet im Gedicht, also in einer Spracht\u00e4tigkeit, die zwar eine kulturelle Universalie darstellt, die aber gleichzeitig, wenn es um das Denken der Sprache geht, marginalisiert wird, etwa wenn dem Gedicht bei Platon, aber auch sp\u00e4ter bei Kant oder Hegel, jede Bedeutung f\u00fcr die Erkenntnis abgesprochen wird. Meschonnic bricht mit dieser Tradition, indem er postuliert, dass dem Gedicht eine Schl\u00fcsselstellung f\u00fcr das Denken der Sprache zukommt (&#8222;toute th\u00e9orie du langage d\u00e9pend de sa repr\u00e9sentation de la po\u00e9sie comme toute po\u00e9sie d\u00e9pend de sa repr\u00e9sentation du langage&#8220;, ebd.). Sie ergibt sich aus der einfachen Tatsache, dass im Gedicht die Kontinuit\u00e4ten zu Tage treten, die das Zeichendenken ausblenden muss. Jedes Gedicht legt die Funktionsweise der sprachlichen Subjektivit\u00e4t offen, indem es durch die rhythmische Gestaltung des Textes (Syntax, Wortwahl, Interpunktion, lautliche Echos, metaphorische und gedankliche Gliederung etc.) die Sprecht\u00e4tigkeit eines Ichs im Text erfahrbar macht. So widerspricht das Gedicht \u2013 wenn es ein Gedicht ist und keine Bastelei aus Metrum und Reim \u2013 den Dualismen des Zeichens, indem es die Wechselwirkungen zwischen Sprechen und Sprache, Schrift und Rede, Stimme und Text, K\u00f6rperlichkeit und Sprachlichkeit, Denken und F\u00fchlen erfahrbar macht.<\/p>\n<p>Aus diese Weise er\u00f6ffnet Meschonnic eine neue Perspektive de Sprachdenkens. Sein Beitrag zu einer historischen Anthropologie der Sprache weist deshalb in eine v\u00f6llig andere Richtung als Heideggers Essentialisierung der Sprache und der Dichtung, die, wie Meschonnic schon 1990 in <em>Le langage Heidegger<\/em> zeigt, zur Eliminierung des Subjekts und der Geschichtlichkeit und zur Akzeptanz nationalsozialistischer Denkmuster f\u00fchrt. Meschonnics Sprachdenken steht in einer anderen Tradition. Es geht ihm nicht um die Fortf\u00fchrung der totalisierenden Philosophien von Heidegger oder Hegel, sondern um die Ankn\u00fcpfung an das Humboldtsche Projekt der Pluralit\u00e4t der Sprachen, Kulturen und Denkweisen. In <em>Dans le bois de la langue <\/em>hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas Kontinuum zu denken, das hei\u00dft folglich die Vielfalt, die Pluralit\u00e4t zu denken. In diesem Sinne gilt es, Humboldt zu denken, gegen Hegel. Das ist das Gl\u00fcck des Denkens, in jedem Augenblick, und die Bedingung, um frei zu sein.\u201c (\u201ePenser le continu, c\u2019est donc penser la diversit\u00e9, la pluralit\u00e9. C\u2019est en ce sens qu\u2019il y \u00e0 penser Humboldt, contre Hegel. C\u2019est le bonheur de la pens\u00e9e, \u00e0 chaque instant, et la condition m\u00eame pour \u00eatre libre.\u201c Ebd., 27).<\/p><\/blockquote>\n<p>Humboldt gegen Hegel zu denken, das hei\u00dft die Vielfalt des Geschichtlichen, der Sprachen, des Sprechens, der Literaturen gegen die Ideologien der Einheit, der Wahrheit und des Ursprungs zu denken. Deshalb ist Sprachtheorie f\u00fcr Meschonnic eine ethische und politische T\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Hans L\u00f6sener, 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henri Meschonnic beginnt seine wissenschaftliche Publikationst\u00e4tigkeit in den 1960er Jahren, in einer Zeit, in der der Strukturalismus die theoretischen Diskurse bestimmt und der Poststrukturalismus langsam auf sich aufmerksam macht. 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