{"id":422,"date":"2012-11-05T18:37:33","date_gmt":"2012-11-05T18:37:33","guid":{"rendered":"http:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=422"},"modified":"2017-07-05T12:24:42","modified_gmt":"2017-07-05T12:24:42","slug":"rhythmus-und-bibelubersetzung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=422","title":{"rendered":"Rhythmus und Bibel\u00fcbersetzung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/studie-70.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-656\" title=\"studie 70\" src=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/studie-70-211x300.png\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/studie-70-211x300.png 211w, https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/studie-70.png 526w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a>Die Schw\u00e4chen des Zeichenmodells m\u00f6gen un\u00fcbersehbar sein, eine Alternative zur Zeichentheorie ergibt sich aus ihnen noch nicht. Es bleibt die Frage, ob sich die Funktionsweise und die semantische Dimension der Sprache \u00fcberhaupt au\u00dferhalb des Zeichenmodells beschreiben lassen. Damit kommen wir zum Kern von Meschonnics Sprachtheorie und zu demjenigen Konzept, das f\u00fcr die Beschreibung von Leseprozessen jenseits der semiotischen Artikulation von zentraler Bedeutung ist. Meschonnic verdankt die Entdeckung dieses Konzepts seiner jahrzehntelangen Praxis des \u00dcbersetzens, vor allem seiner Arbeit im Feld der Bibel\u00fcbersetzung. Letztere beginnt 1970 mit den <em>Cinq Rouleaux<\/em>, seinen \u00dcbertragungen des <em>Hohelieds<\/em>, der <em>Klagelieder Jeremias <\/em>und der B\u00fccher <em>Prediger <\/em>und <em>Esther<\/em>, und reicht gegenw\u00e4rtig [2004] bis zu <em>Les Noms<\/em>, seiner 2003 erschienen \u00dcbersetzung des 2. Buchs Mose. Begleitet wird diese Praxis von einer weitreichenden theoretischen Reflexion \u00fcber grundlegende Fragen des \u00dcbersetzens und \u00fcber spezielle Probleme der Bibel\u00fcbersetzung. Wichtigste Station dieses Reflexionsprozesses ist sein Buch <em>Po\u00e9tique du traduire <\/em>(1999), das den Zusammenhang von Theorie und Praxis der \u00dcbersetzungsarbeit und die Notwendigkeit einer poetischen Konzeption f\u00fcr diese anhand zahlreicher Beispiele verdeutlicht.<\/p>\n<p>Am Anfang dieses langen, \u00fcber mehrere Jahrzehnte reichenden Weges steht eine Entdeckung, die in der Geschichte der Bibel\u00fcbertragung eine Z\u00e4sur markieren d\u00fcrfte. Meschonnic stellte n\u00e4mlich, wie er in der Einleitung zu den <em>Cinq Rouleaux <\/em>schreibt, fest, dass keine der bisherigen Bibel\u00fcbersetzungen aus dem Hebr\u00e4ischen versucht hat, den <em>Rhythmus <\/em>des Originals, der durch ein abgestuftes und komplexes System von Akzenten (den \u201ete\u2019amim\u201c) im massoretischen Urtext notiert ist und der den m\u00fcndlichen und gesanglichen Vortrag der Texte regelt, mitzu\u00fcbersetzen. Die Akzente im \u00a0hebr\u00e4ischen Text, welche nur eine entfernte \u00c4hnlichkeit mit der im deutschen stark grammatikalisierten Interpunktion aufweisen und zahlreiche Nuancierungen erlauben, lassen sich in trennende und verbindende Akzentuierungen unterteilen; die verbindenden dienen der Bildung von Wortgruppen, die trennenden der Setzung kleinerer oder gr\u00f6\u00dferer Pausen zwischen den Wortgruppen und Versteilen. Es gibt ein ber\u00fchmtes Beispiel, das die Bedeutung des Rhythmus f\u00fcr die Bibel\u00fcbersetzung schlagartig verdeutlicht, die \u00dcbersetzung von Jesaja 40, 3, die bei Luther so lautet:<\/p>\n<blockquote><p>3 ES ist eine stimme eines Predigers in der w\u00fcsten \/ Bereitet dem HERRN den weg \/ macht auff dem gefilde ein ebene Ban vnserm Gott. (Luther 1974, II, 1228)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Stimme \u201ein der w\u00fcsten\u201c erscheint hier \u2013 verst\u00e4rkt durch den Genitiv-Zusatz \u201eeines Predigers\u201c, der \u00fcbrigens im Urtext keine Entsprechung hat \u2013 als unmissverst\u00e4ndliche Vorausdeutung auf Johannes den T\u00e4ufer, w\u00e4hrend es im hebr\u00e4ischen Original schon aufgrund der rhythmischen Gliederung des Verses diese Assoziation nicht gibt. Denn dort steht der starke, trennende Akzent nicht nach <em>bamidba<\/em><em>r<\/em><em> <\/em><em><\/em>\u201ein der W\u00fcste\u201c (Luther markiert den syntaktischen Einschnitt durch die Virgel), sondern nach <em>qol qor<\/em>e \u201eeine Stimme ruft\u201c. Die Wortgruppe \u201ein der W\u00fcste\u201c stellt also keine n\u00e4here Bestimmung der Stimme dar, sondern geh\u00f6rt bereits zur w\u00f6rtlichen Rede. Meschonnic pl\u00e4diert jedoch nicht f\u00fcr die blo\u00df <em>punktuelle <\/em>Einbeziehung des Rhythmus zur Vermeidung von Fehl\u00fcbersetzungen. Denn es geht ihm nicht allein um den Sinn der Verse, es geht ihm um die Art und Weise, wie der Text Sinn schafft, um seine spezifische Bedeutungsweise also, um seinen Rhythmus:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Rhythmus modifiziert nicht nur den Sinn, selbst dort, wo der Sinn der W\u00f6rter scheinbar nicht ver\u00e4ndert wird, er verwandelt die Bedeutungsweise. Was gesagt wird, \u00e4ndert sich von Grund auf, je nachdem, ob man diesen Rhythmus und diese Bedeutungsweise ber\u00fccksichtigt oder nicht.\u201c (\u201ePlus que le sens, et m\u00eame l\u00e0 o\u00f9 le sens des mots apparemment n\u2019est pas modifi\u00e9, le rythme transforme le mode de signifier. Ce qui est dit change du tout au tout selon qu\u2019on tient compte de ce rythme ou non, de la signifiance ou non.\u201c Meschonnic 1999, 102. \u00dcbersetzung wie in den folgenden Zitaten H.L.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Deshalb versucht Meschonnic, auch die rhythmische Gliederung jedes Verses mitzu\u00fcbersetzen, indem er die unterschiedlich starken Akzente und die aus ihnen resultierenden Z\u00e4suren durch verschieden gro\u00dfe Leerbl\u00f6cke wiedergibt. Ein Beispiel aus den <em>Klageliedern Jeremias <\/em>(IV, 7) m\u00f6ge dies illustrieren [Die wei\u00dfen Leerbl\u00f6cke werden hier aus technischen Gr\u00fcnden durch &#8222;&#8212;&#8220; markiert]:<\/p>\n<blockquote><p>Ses nobles \u00e9taient blancs &#8212;&#8212;- plus que neige<br \/>\n&#8212;&#8212;- \u00e9taient clairs &#8212;&#8212;- plus que du lait<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;- \u00c9taient rouges de corps &#8212;&#8212;- plus<br \/>\nque des coraux &#8212;&#8212;&#8212; saphir &#8212;&#8212;- leur figure<br \/>\n(Meschonnic 1970, 117).<\/p><\/blockquote>\n<p>Die rhythmische Gliederung des Verses schafft eine Sprechbewegung, die von der semantischen Organisation nicht zu trennen ist. Denn die Z\u00e4suren schaffen Gewichtungen innerhalb der \u00c4u\u00dferung, sie bewirken, dass jeweils Bild und Gegenbild, also beide Glieder des Vergleichs, betont werden. Dieser Effekt geht etwa in der <em>Traduction OEcum\u00e9nique de la Bible <\/em>aus dem Jahr 1975, wo der nicht an der Akzentnotation des Originals orientierte Zeilenumbruch lediglich eine Hervorhebung des Gegenbildes bewirkt, verloren:<\/p>\n<blockquote><p>Ses consacr\u00e9s plus purs que la neige,<br \/>\nplus blancs que le lait,<br \/>\nplus roses de corps que le corail,<br \/>\naux veines de saphir.<\/p>\n<p>(Zitiert in Meschonnic 1999, 186. In der Einheits\u00fcbersetzung lautet dieser Vers: \u201eIhre jungen M\u00e4nner waren reiner als Schnee, \/ wei\u00dfer als Milch, ihr Leib rosiger als Korallen, \/ saphirblau ihre Adern\u201c Einheits\u00fcbersetzung 1980, 936. Auch hier gibt der Virgelgebrauch die Gruppen- und Pausenbildung des hebr\u00e4ischen Originals nicht wieder.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Und noch etwas unterscheidet die beiden Versionen \u2013 und auch dabei geht es um die rhythmische Gliederung des Verses, und zwar um die in der <em>Traduction OEcum\u00e9nique de la Bible <\/em>unber\u00fccksichtigt gebliebenen phonematischen Beziehungen innerhalb des Verses. Denn die innere Logik der Vergleiche beruht im hebr\u00e4ischen Original auf phonematischen Echos, die Meschonnic mit\u00fcbersetzt, so dass vier Echopaare aus je zwei W\u00f6rtern entstehen, die hier durch Unterstreichung hervorgehoben sind:<\/p>\n<blockquote><p>Ses <span style=\"text-decoration: underline;\">nobles<\/span> \u00e9taient <span style=\"text-decoration: underline;\">blancs<\/span> &#8212;&#8212;- plus que neige<br \/>\n&#8212;&#8212;- \u00e9taient <span style=\"text-decoration: underline;\">clairs<\/span> &#8212;&#8212;- plus que du <span style=\"text-decoration: underline;\">lait<\/span><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;- \u00c9taient rouges de <span style=\"text-decoration: underline;\">corps<\/span> &#8212;&#8212;- plus<br \/>\nque des <span style=\"text-decoration: underline;\">coraux<\/span> &#8212;&#8212;&#8212; <span style=\"text-decoration: underline;\">saphir<\/span> &#8212;&#8212;- leur <span style=\"text-decoration: underline;\">figure<\/span><br \/>\nMeschonnic (1999, 187).<\/p><\/blockquote>\n<p>Die semantische Beziehung zwischen dem Substantiv \u201enobles\u201c und seinem Attribut \u201eblancs\u201c wird phonematisch durch das Echo auf \/bl\/ realisiert, zwischen \u201eclaires\u201c und dem Vergleichsbild \u201elait\u201c durch das Echo auf \/l\u03b5\/, zwischen \u201ecorps\u201c und \u201ecoraux\u201c durch das Echo zwischen \/k\u0254r\/ und \/kor\/, und zwischen \u201esaphir\u201c und \u201efigure\u201c durch die Echos auf \/fi\/ und auf \/r\/. Bild und Gegenbild antworten wie im hebr\u00e4ischen Original phonematisch aufeinander und erhalten durch die Echobeziehungen ihr semantisches Gewicht. An diesem einfachen Beispiel l\u00e4sst sich bereits ermessen, welche Konsequenzen die Ber\u00fccksichtigung des Rhythmus beim \u00dcbersetzen der Bibel nach sich zieht. Das H\u00f6ren auf den Rhythmus ver\u00e4ndert die \u00dcbersetzungspraxis, wie umgekehrt auch die \u00dcbersetzungspraxis den Rhythmus ver\u00e4ndert, oder genauer gesagt unsere Konzeption des Rhythmus. [\u2026]<\/p>\n<p>(Leicht modifizierter Auszug aus: Hans L\u00f6sener (2006): Zwischen Wort und Wort. Interpretation und Textanalyse. Paderborn: Fink. S. 90-93)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schw\u00e4chen des Zeichenmodells m\u00f6gen un\u00fcbersehbar sein, eine Alternative zur Zeichentheorie ergibt sich aus ihnen noch nicht. 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