{"id":349,"date":"2012-10-18T20:26:48","date_gmt":"2012-10-18T20:26:48","guid":{"rendered":"http:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=349"},"modified":"2016-06-06T06:36:06","modified_gmt":"2016-06-06T06:36:06","slug":"die-sechs-paradigmen-des-zeichens","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/sprachtheorie.de\/?page_id=349","title":{"rendered":"Die sechs Paradigmen des Zeichens"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-59.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-211\" title=\"studie 59\" src=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-59-225x300.png\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-59-225x300.png 225w, https:\/\/sprachtheorie.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Kritzelbild-59.png 529w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Das Zeichen ist mehr als ein Beschreibungsmodell f\u00fcr die Elemente der Sprache. Es liefert bestimmte Grundmuster f\u00fcr das abendl\u00e4ndische Denken, die auch dort wirksam sind, wo die Sprache selbst nicht im Mittelpunkt der Reflexion zu stehen scheint. Henri Meschonnic spricht in diesem Zusammenhang von den \u201esechs Paradigmen des Zeichens\u201c (erstmals in <em>Politique du rythme<\/em>, 1995, 114 ff.), an denen der musterbildende Charakter der Zeichenlogik in unterschiedlichen Bereichen des Denkens sichtbar wird. Ich orientiere mich im Folgenden u.a. an <em>Dans le bois de la langue <\/em>(2008), wo Meschonnic die sechs Paradigmen nochmals thematisiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>1. Das sprachliche Paradigma<\/h2>\n<p>Das sprachliche Paradigma spielt insofern eine besondere Rolle, als es das Muster f\u00fcr alle anderen Paradigmen liefert. Was diese verbindet, ist eine Logik, bei der jeweils ein Element die Rolle des Signifikats und eines die des Signifikanten spielt. Das Signifikat dominiert dabei den Signifikanten, so wie der Inhalt die Form dominiert, der lediglich eine dienende Tr\u00e4gerfunktion zukommt. Die Logik des Zeichens ist deshalb von einer charakteristischen Ambivalenz gepr\u00e4gt, bei der das Element, das die Funktion der Form \u00fcbernimmt, gleichzeitig negiert und beibehalten wird:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie sechs Paradigmen folgen alle dem gleichen Prinzip: ein Element, das unterschlagen werden kann, unterschlagen und doch beibehalten wird, und ein Element, das, obwohl es nur einen Teil darstellt, symbolisch das Ganze vertritt.\u201c (\u201eCes six paradigmes sont tous constitu\u00e9s selon une m\u00eame homologie: un \u00e9l\u00e9ment escamotable-escamot\u00e9 et maintenu, et un \u00e9l\u00e9ment qui, tout en n\u2019 \u00e9tant qu\u2019 une partie, vaut symboliquement pour le tout.\u201c Meschonnic 2008, 207)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das sprachliche Paradigma kennt viele Varianten, die bei der Beschreibung sprachlicher Gegebenheiten immer wieder anzutreffen sind, etwa die Unterscheidung von eigentlichem und uneigentlichem Sprachgebrauch, allt\u00e4glicher und literarischer\u00a0 Sprache oder zwischen Prosa und Poesie. Bei jedem dieser Begriffspaare vertritt das erste der beiden Glieder die eigentliche Sache, die Natur der Dinge, w\u00e4hrend das zweite als Ausnahme, Formalisierung oder als parasit\u00e4re Abweichung erscheint. Eine ziemlich groteske Variante dieses Paradigmas ist die an deutschen Hochschulen \u00fcbliche Unterscheidung zwischen den Studienbereichen \u201eSprache\u201c und \u201eLiteratur\u201c; so als w\u00e4ren die Probleme des Literarischen von den Fragen der Sprache in irgendeiner Weise zu trennen (und umgekehrt).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>2. Das anthropologische Paradigma<\/h2>\n<p>Das anthropologische Paradigma im engeren Sinne, der traditionelle Gegensatz zwischen K\u00f6rper und Seele, ist vielleicht die \u00e4lteste der Dichotomien und hat vermutlich als Matrix f\u00fcr andere Paradigmen gedient, wie etwa f\u00fcr den Gegensatz zwischen Gef\u00fchl und Vernunft, zwischen dem Weiblichen und dem M\u00e4nnlichen, zwischen dem Primitiven und dem Zivilisierten, zwischen Natur und Kultur. Aber das anthropologische Paradigma kann auf einen noch grundlegenderen Gegensatz zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, Meschonnic schreibt dazu:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas anthropologische, immer dualistische Paradigma [beruht] auf dem Muster, das das Tote dem Lebendigen gegen\u00fcberstellt, die Sprache dem Leben, den allgemeinen Begriff der konkreten Einzelheit: \u00bbDas Wort Brot kann man nicht essen\u00ab, \u00bbDas Wort Hund bellt nicht\u00ab. Es entspricht dem Gegensatz zwischen dem Geschriebenen und dem M\u00fcndlichen, bei dem kein dritter Begriff denkbar ist, wie f\u00fcr den Gegensatz zwischen Vers und Prosa, entweder das eine oder das andere; oder bei der Polarisierung zwischen dem (toten oder t\u00f6tenden) Buchstaben und dem Geist; zwischen dem Irrationalen und dem Rationalen.\u201c (\u201ele paradigme anthropologique, toujours dualiste, sur le mod\u00e8le qui oppose le mort et le vivant, le langage et la vie, le mot g\u00e9n\u00e9rique abstrait et le particulier concret: \u00bbon ne mange pas le mot pain\u00ab, \u00bble mot chien n\u2019aboie pas\u00ab. C\u2019est toute l\u2019opposition entre l\u2019\u00e9crit et l\u2019oral: pas de troisi\u00e8me terme pensable, comme pour les vers et la prose, c\u2019est ou l\u2019un ou l\u2019autre; c\u2019est l\u2019opposition entre la lettre (morte) ou qui tue et l\u2019esprit; entre l\u2019irrationnel et le rationnel.\u201c Ebd., 38)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das anthropologische Paradigma schafft \u2013 wie die anderen Paradigmen auch \u2013 Wertungen, die kulturelle und gesellschaftliche Wirksamkeit zeigen. So l\u00e4sst sich die Tradition des paulinischen Der-Buchstabe-t\u00f6tet-Topos bis in die postmoderne Philosophie hinein verfolgen, etwa bei Bataille oder Agamben (&#8222;Die Sprache ist folglich immer \u00bbtoter Buchstabe\u00ab&#8220;, Agamben 2007, 175).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>3. Das philosophische Paradigma<\/h2>\n<p>Das philosophische Paradigma<em> <\/em>trennt Sprache und Realit\u00e4t, indem es die W\u00f6rter den Dingen gegen\u00fcberstellt: Wenn die Sprache aus Zeichen besteht, die auf die Dinge, Gedanken und Ideen verweisen \u2013 gem\u00e4\u00df der alten scholastischen Definition des Zeichens \u201ealiquid stat pro aliquo\u201c \u2013 dann kann die Sprache nicht mehr sein als ein <em>Substitut<\/em><em> <\/em>f\u00fcr die Wirklichkeit, also ein Ort, wo wir gerade von dieser getrennt bleiben. Folglich wird man durch die Sprache der Wirklichkeit, und somit dem Leben, entfremdet:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eZum Beispiel bei Hegel durch den Begriff des Bewusstseins als Tod und T\u00f6tung der Dinge, im Gegensatz zu den Dingen selbst. Aufgrund der Absurdit\u00e4t einer Definition ex negativo: Das Zeichen als Abwesenheit der Sache. Ein Tisch ist nicht die Abwesenheit eines Stuhls. Es gibt die Welt der W\u00f6rter, aber sie bedeutet nicht die Abwesenheit der Welt, sondern eine Beziehung zu ihr.\u201c (\u201ePar exemple, chez Hegel, par la notion de conscience comme mort et meurtre des choses, oppos\u00e9e aux choses m\u00eames. Avec l\u2019absurdit\u00e9 d\u2019une d\u00e9finition logique n\u00e9gative: le signe comme absence d\u2019une chaise. Il y a un monde des mots, qui n\u2019est pas l\u2019absence du monde. Mais un rapport.\u201c Ebd., 38)<\/p><\/blockquote>\n<p>In Friedrich Nietzsches ber\u00fchmten Fragment &#8222;\u00dcber Wahrheit und L\u00fcge im au\u00dfermoralischen Sinne&#8220; (1873) wird dieses Paradigma in all seinen Konsequenzen durchgespielt und gezeigt, wie die Trennung zwischen W\u00f6rtern und Dingen (Sprache und Welt) weitere Trennungen hervorbringt, etwa die Trennung des Bewusstseins von der Sprache, die Trennung zwischen Gef\u00fchl und Ausdruck oder die Trennung zwischen Ich und Du.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>4. Das theologische Paradigma<\/h2>\n<p>Das theologische Paradigma<em> <\/em>stellt das \u201eAlte Testament\u201c dem \u201eNeuen Testament\u201c gegen\u00fcber und interpretiert ihr Verh\u00e4ltnis nach dem Schema des Zeichens: Das \u201eAlte Testament\u201c fungiert als Signifikant f\u00fcr das \u201eNeue Testament\u201c, das den Platz des Signifikats einnimmt, denn das \u201eAlte\u201c weist \u2013 gem\u00e4\u00df der Logik der Pr\u00e4figuration \u2013 auf den Sinn des \u201eNeuen\u201c. Die christliche Praxis der Bibel\u00fcbersetzung legt diese Logik offen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Christen christianisieren. Das \u201eAlte\u201c Testament wird vom Neuen her \u00fcbersetzt. Das ber\u00fchmteste Beispiel ist wahrscheinlich das aus Jesaja (VII, 14), wo die \u201ejunge Frau\u201c, alm\u00e1h, mit \u201ejungem M\u00e4dchen\u201c \u00fcbersetzt wurde, so als st\u00e4nde dort betul\u00e1h, \u201eJungfrau\u201c, um zu suggerieren, dass Jesaja die unbefleckte Empf\u00e4ngnis prophezeit h\u00e4tte.\u201c (\u201eLes chr\u00e9tiens christianisent. L\u2019\u00bbAncien\u00ab Testament est traduit \u00e0 travers le Nouveau. L\u2019exemple le plus fameux est sans doute celui d\u2019Isa\u00efe (VII, 14) o\u00f9 la \u00bbjeune femme\u00ab, \u2018alma a \u00e9t\u00e9 traduit \u00bbjeune fille\u00ab, comme s\u2019il y avait betoula, \u00bbvierge\u00ab, pour laisser entendre qu\u2019Isa\u00efe proph\u00e9tisait L\u2019Immacul\u00e9e Conception.\u201c (Meschonnic 2001, 50).<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Paradigma, das auch gebr\u00e4uchliche Bibel\u00fcbersetzungen fortschreiben, wie die weitverbreitete \u201eEinheits\u00fcbersetzung\u201c (1980) zeigt. Dort lautet die entsprechende Stelle: \u201e[\u2026] Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen [\u2026].\u201c (Einheits\u00fcbersetzung 1980,814). Eine Anmerkung legitimiert diese \u00dcbersetzung durch den Hinweis auf die Septuaginta und auf Matth\u00e4us I, 23. Die \u00dcbersetzung \u201ejunge Frau\u201c wird dagegen als blo\u00dfe Deutungsvariante abgetan (\u201edas hebr\u00e4ische Wort alm\u00e1h wird auch als \u00bbjunge Frau\u00ab gedeutet\u201c, ebd.). Das theologische Paradigma schafft eine Logik, in der das Christentum als <em>Verus Israel<\/em> erscheint. Es produziert so durch seine Philologie und seine \u00dcbersetzungspraxis den christlichen Antijudaismus, der noch immer nicht der Vergangenheit angeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>5. Das soziale Paradigma<\/h2>\n<p>Das soziale Paradigma<em> <\/em>bringt das Individuum in einen Gegensatz zur Gesellschaft, wobei das Individuum die Rolle des Signifikanten erh\u00e4lt, denn es fungiert als blo\u00dfer Tr\u00e4ger des gesellschaftlich vorgegebenen Sinns. In dieser Eigenschaft steht es vor einer wenig verlockenden Alternative: Entweder es erf\u00fcllt seine Rolle als Tr\u00e4ger des Sinns der Gemeinschaft und verschmilzt mit dieser, dann bleibt es unsichtbar und gibt seinen individuellen Status preis, oder aber es tritt in Opposition zur Gemeinschaft und negiert den gesellschaftlichen Sinn, dann gewinnt es zwar individuelle Konturen, wird aber zugleich zur \u2013 gesellschaftlich \u2013 leeren Form.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas soziale Paradigma des Zeichens ist der Gegensatz von Individuum und Gemeinschaft in allen seinen Formen: von der romantischen Auffassung, die den (b\u00fcrgerlichen) K\u00fcnstler gegen seine eigeneKlasse stellt, bis hin zu den Theorien einiger zeitgen\u00f6ssischer Anthropologen wie Louis Dumont oder bestimmter Soziologen wie Maffesoli, bei denen Individuum und Individualismus, Individualismus und Hedonismus in die Atomisierung der westlichen Gesellschaft m\u00fcnden im Gegensatz zum (ein wenig idealisierten) Kommunitarismus primitiver Gesellschaften. Ein und dasselbe Nichtdenken des Subjekts.\u201c (Meschonnic 1997, 616).<\/p><\/blockquote>\n<p>Das soziale Paradigma verhindert so, die Interdependenz zwischen Gesellschaft und Subjekt zu denken, verstellt also den Blick auf die Tatsache, dass einerseits die Gesellschaft nur als Gesellschaft von Subjekten denkbar ist und dass sich andererseits die Individuation des Subjekts nur als Prozess in der Gesellschaft vollziehen kann. Diese Wechselbeziehung tritt in der Sprache besonders deutlich zutage, wo das Gemeinsame (die Einzelsprache) das Individuelle (den \u00c4u\u00dferungsakt) erst erm\u00f6glicht und das Individuelle zugleich das Gemeinsame hervorbringt: Jede Redewendung, jede Kollokation und jeder Neologismus, die irgendwann der Einzelsprache zugerechnet werden, gehen aus individuellen \u00c4u\u00dferungsakten einzelner Sprecher hervor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>6. Das politische Paradigma<\/h2>\n<p>Das politische<em> <\/em>Paradigma<em> <\/em>schlie\u00dflich stellt die Minderheit der Mehrheit gegen\u00fcber, wie in Rousseaus Gesellschaftsvertrag, wo die Mehrheit zugleich das Ganze repr\u00e4sentiert, nach dem Muster des Zeichens, welches den Signifikanten als blo\u00dfe Form dem Signifikat unterordnet. Die symbolische Identifikation der Mehrheit mit dem Herrscher wird so zur Rechtfertigung f\u00fcr eine Minderheitenpolitik, die nur die Anpassung an die Masse zul\u00e4sst. Meschonnic bezeichnet dieses Paradigma als eine \u201eAporie der Demokratie\u201c (2008, 63).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Paradigmen des Zeichendenkens sind stark, weil sie <em>kulturell <\/em>stark sind. Sie pr\u00e4gen bis heute gleicherma\u00dfen wissenschaftliche Erkl\u00e4rungsmodelle wie allt\u00e4gliche Denkmuster und politische Diskurse. Aber ihre kulturelle St\u00e4rke kann nicht die Blindheit des Zeichenmodells gegen\u00fcber der allgegenw\u00e4rtigen Empirie der sprachlichen Wechselwirkungen verdecken. Denn das Zeichen trennt unentwegt, was sich empirisch nicht trennen l\u00e4sst und von dessen Zusammen- und Ineinanderwirken jeder \u00c4u\u00dferungsakt Zeugnis ablegt: Sprache und Welterfahrung, Sprache und K\u00f6rper, die M\u00fcndlichkeit im Geschriebenen und im Gesprochenen, das Individuum in der Gesellschaft und das Politische im Poetischen.<\/p>\n<p>Die offensichtlichste Schw\u00e4che des Zeichenmodells liegt vielleicht in der Ausklammerung der Pr\u00e4senz des Subjekts <em>in <\/em>der Sprache:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn der Zeichentheorie ist das Sprachsystem prim\u00e4r und die Rede sekund\u00e4r. Es kann gar nicht anders sein. F\u00fcr sie ist die Rede ein Zeichengebrauch, eine Auswahlentscheidung, eine Reihung von Auswahlentscheidungen in dem pr\u00e4existenten Zeichensytem.\u201c (\u201eDans la th\u00e9orie du signe, la langue est premi\u00e8re, et le discours, second. Il ne peut pas en \u00eatre autrement. Le discours y est un emploi des signes, un choix, une s\u00e9rie de choix dans le syst\u00e8me des signes pr\u00e9existant.\u201c 1982, 70).<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Subjekt w\u00e4hlt aus dem schon bestehenden Repertoire von Zeichen diejenigen aus, die es zu \u00dcbermittlung seiner Nachricht braucht. Es erfindet die Zeichen nicht, es gebraucht sie lediglich, \u00e4hnlich wie man einen Satz Schraubenschl\u00fcssel zum Lockern oder Anziehen verschieden gro\u00dfer Schrauben gebraucht. Von diesem instrumentalen Sprachbegriff her gesehen kann das Subjekt in der Sprache genauso wenig pr\u00e4sent sein wie in dem Schraubenschl\u00fcssel, den es ben\u00fctzt. Aber was im Falle des Werkzeugs eine schlichte Feststellung ist, f\u00fchrt in der Sprachtheorie zu einem grundlegenden und unaufl\u00f6slichen Paradox, n\u00e4mlich zum Ausschluss des Subjekts aus der Sprache, die es spricht und durch die es zugleich als Subjekt konstituiert wird. In der Zeichentheorie bleiben die sprechenden Subjekte immer au\u00dferhalb der Sprache; sie werden zum blinden Fleck der Sprache und damit zu einer subjektiven Illusion. Eine ganze Reihe von abendl\u00e4ndischen Denkern von Nietzsche bis Lacan haben diese Entfremdung des Subjekts durch die Sprache beschrieben, kommentiert und phantasiert.<\/p>\n<p>Doch die in der Zeichentheorie implizierte Entfremdung steht in krassem Widerspruch zu dem, was sich empirisch noch in den allt\u00e4glichsten \u00c4u\u00dferungsakten beobachten l\u00e4sst: Wer spricht, spricht immer auch <em>seine <\/em>Sprache, ist an <em>seiner <\/em>Sprache erkennbar und erkennt den anderen an <em>dessen <\/em>Sprache. Unsere Sprache ist nicht austauschbar, und sie ist uns so nah wie unser K\u00f6rper. Sowenig wir zwischen uns und unserem K\u00f6rper trennen k\u00f6nnen (au\u00dfer im Rahmen einer metaphysischen Spekulation), sowenig k\u00f6nnen wir zwischen uns und unserer Sprache eine Trennlinie ziehen. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch Formen der Entfremdung zwischen Ich und Sprache geben kann, aber sie sind pathologisch, wie etwa im Fall einer Schizophrenie, und dort, wo sie sich ereignen, zerbricht nicht nur das Subjekt, sondern es bleiben auch von der Sprache nur noch Bruchst\u00fccke \u00fcbrig. Die Pathologie zeigt, was das normale Funktionieren der Sprache voraussetzt: die unaufhebbare Interdependenz und Interaktion von Sprache, Wirklichkeit und Ich.<\/p>\n<p>Hans L\u00f6sener, 2012<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(\u00dcberarbeiteter Textauszug aus: Hans L\u00f6sener (2006): Zwischen Wort und Wort. Interpretation und Textanalyse. Paderborn: Fink. S. 86-90)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Literatur<\/h2>\n<p>Agamben, Giorgio (2007): Die Sprache und der Tod. Ein Seminar \u00fcber den Ort der Negativit\u00e4t. Franfurt am Main: Suhrkamp. [ital. Erstauflage 1982]<\/p>\n<p>Einheits\u00fcbersetzung (1980): Die Bibel. Altes und Neues Testament. Herausgegeben im Auftrag der Bisch\u00f6fe Deutschlands, \u00d6sterreichs, der Schweiz, Luxemburgs, L\u00fcttichs und Bozen-Brixens. Herder: Freiburg im Breisgau.<\/p>\n<p>Meschonnic, Henri (1982): Critique du rythme. Anthropologie historique du langage. Paris: \u00c9ditions Verdier.<\/p>\n<p>Meschonnic, Henri (1995): Politique du rythme, politique du sujet. Paris: \u00c9ditions Verdier.<\/p>\n<p>Meschonnic, Henri (1997): Rhythmus. In: Wulf, Christoph (Hg., 1997): Vom Menschen. Handbuch historische Anthropologie. Weinheim: Beltz. S. 609\u2013618.<\/p>\n<p>Meschonnic, Henri (2001): L\u2019utopie du Juif. Paris: Descl\u00e9e de Brouwer.<\/p>\n<p>Meschonnic, Henri (2008): Dans le bois de la langue. Paris: \u00c9ditions Laurence Teper.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Zeichen ist mehr als ein Beschreibungsmodell f\u00fcr die Elemente der Sprache. Es liefert bestimmte Grundmuster f\u00fcr das abendl\u00e4ndische Denken, die auch dort wirksam sind, wo die Sprache selbst nicht im Mittelpunkt der Reflexion zu stehen scheint. 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